Dienstag, 16. November 2010

Wird der PageRank von Google 2011 abgeschafft?

Einige Blogs haben ja schon länger darüber berichtet. Nächstes Jahr laufen die Nutzungsrechte von Google am PageRank-Patent aus, das entgegen der landläufigen Meinung nicht Google, sondern der Stanford Universität gehört. Am 8. Mai 2011 dürfte es daher spätestens eine Entscheidung geben -müssen-. Aber: Kann sich Google überhaupt leisten, auf den PageRank zu verzichten?
Die beiden Google-Gründer Brin und Page hatten das PageRank-Verfahren im Rahmen ihrer geplanten Dissertation an der Universität entwickelt und damit gehört das Patent der Universität. Google bekam ein Nutzungsrecht für 15 Jahre eingeräumt. Diese Frist läuft aber nächstes Jahr ab. Entgegen vieler Meldungen in deutschen Blogs, dass die Nutzung des PageRank-Verfahrens bisher für Google kostenlos gewesen wäre, lassen sich bei etwas intensiverer Recherche viele Quellen finden, die das Gegenteil nahe legen. Google hat seither eine ganze Menge Geld (zum Großteil auch in Form von Spenden) an Stanford bezahlt.
Auf Seite 42 eines Börsenberichts ist z. B. zu lesen:


Der geheimnisvolle Partyschnaps



"In 2008, Google paid approximately $1,881,400 to Stanford University. Approximately $426,950 of these payments related to the license by Stanford of patents, including the PageRank patent, to Google." (Quelle). Und auch in 2005 hat Stanford mit 336 Mio US$ von Google´s Börsengang profitiert (Quelle).
Welche Szenarien sind 2011 möglich?

1. Stanford vergibt das Nutzungsrecht an ein anderes Unternehmen

Weder Bing noch Yahoo! könnten damit wirklich etwas anfangen. Die iterative Berechnung des gegenseitigen Einflusses von etwa einer Billion Links aufeinander ist mathematisch extrem kompliziert und braucht sehr viele Ressourcen zur Berechnung. Selbst Google mit seinem gigantischem Rechnerpark kann die Berechnung nur approximativ (näherungsweise) durchführen. Ein reiner Blockadekauf, damit Google das Verfahren nicht weiter nutzen kann, scheint wohl zu teuer.
Einschätzung: Eher unwahrscheinlich.
2. Google verlängert die Nutzungsrechte gegen entsprechende Bezahlung
Google bezahlt ja jetzt bereits für die Nutzung. Man kann allerdings davon ausgehen, dass die jährliche Gebühr von Standford möglicherweise nach Ablauf der bisherigen Nutzungsfrist deutlich erhöht würde. Spekulationen gehen bis zu einer Milliarde US$ und höher. Die große Frage ist, ob Google bereit ist, solche Beträge zu bezahlen. Andererseits muss man sich vergegenwärtigen, dass die im Patent beschriebene Relevanzbeurteilung von Webseiten aufgrund der Anzahl und "Wichtigkeit" von eingehenden Links dann nicht mehr verwendet werden könnte. Eben auch nicht "heimlich", wie das einige Forentrolle schon an anderer Stelle vermutet haben. Google könnte das nur umgehen, wenn sie ihren Firmensitz nach Europa verlegen würden (andere Regeln bezgl. der Patentfähigkeit von Software), was mir absurd erscheint. Um solche auf Links basierten "Wichtigkeitsberechnungen" weiterhin durchführen zu können, benötigt Google also tatsächlich die legalen Nutzungsrechte. Natürlich wäre es auch möglich, das Patent käuflich und damit dauerhaft von Stanford zu erwerben. Die dafür nötige Summe dürfte aber aller Wahrscheinlichkeit nach in die Milliarden gehen.
Einschätzung: Nicht ganz unwahrscheinlich.


Der geheimnisvolle Partyschnaps




3. Es bleibt alles beim alten

Nein, das scheint nicht wirklich realistisch. Stanford hält mit dem Patent einen potentiellen Gegenwert einiger Milliarden Dollar in den Händen. Dass die Universität das einfach so ignoriert, ist schlicht nicht vorstellbar. Amerikanische Universitäten werden anders als als in Deutschland sehr viel wirtschaftlicher und eher wie Unternehmen geführt. Nostalgische Dankbarkeit ist schön, aber Geld ist besser... Umgekehrt: Wenn Google abwinkt, wem soll Stanford die Nutzungsrechte am Patent verkaufen? Gut, einen publicitysüchtigen Manager findet man sicher, der mal wieder unreflektiert das Geld anderer Leute dafür ausgibt. Der wirtschaftliche Nutzen erscheint aber nicht sonderlich hoch (siehe oben).
Einschätzung: Unwahrscheinlich.

4. Es sieht (nur) so aus, als ob alles beim alten bleibt

Google ist bekannt für Geheimniskrämerei und wenn man in Wikipedia nach diesem Wort sucht, wird man wahrscheinlich das Logo von Google zu sehen bekommen (Scherz). Wenn Stanford und Google einen Deal vereinbaren, könnte daher durchaus sein, dass die Öffentlichkeit davon nichts oder nur wenig erfährt. Andererseits ist Google börsennotiert und mitteilungspflichtig. Wie und ob sich so ein Deal in Bilanzen und Mitteilungen nach amerikanischem Recht verstecken lässt, wage ich allerdings nicht zu beurteilen.
Einschätzung: Eher unwahrscheinlich

5. Google verzichtet auf den PageRank

Hmm... Darüber habe ich ehrlich gesagt am längsten nachgedacht. Technisch gesehen könnte Google sicherlich auf den PageRank verzichten. Mittlerweile hat man dort eine ganze Menge treffenderer und spamfeindlichere Methoden entwickelt, um Relevanz maschinell beurteilen zu können. Diese Verfahren werden heute bereits flankierend eingesetzt. Daher erscheint der Wegfall eines von mehreren Verfahren, nämlich der PageRank, vergleichsweise (!) nicht so dramatisch. Umgekehrt ermöglicht es die Google Toolbar, extrem wichtige Bewegungsdaten der Nutzer zu gewinnen. Durch die PageRank-Anzeige wird ja jeder Besuch jeder einzelnen Webseite an Google übermittelt. Zusätzlich zu den Daten aus Analytics erhält Google so einen (hochgerechneten) Überblick, wo sich die Nutzer im Web tummeln - und vor allem wie lange! Fällt der PageRank, gäbe es keinen so großen Anreiz mehr, die Toolbar zu installieren bzw. zu nutzen. Eine neue Ersatzkennzahl könnte hier vielleicht Abhilfe schaffen.
Bei Google sitzen mathematisch sehr versierte Leute. Sicherlich arbeitet man dort schon länger an einer Alternative, wie man die Linkzahl im weitesten Sinne als Kriterium erhalten kann, sie aber deutlich anderes berechnet, so dass das PageRank-Patent nicht mehr berührt wird. Man kann sowieso getrost davon ausgehen, dass die aktuelle Berechnung mit der ursprünglichen Formel nicht mehr viel zu tun hat. "TrustRank", "BrowseRank", "TrafficRank", Bounce-Rate, semantische Linkbeurteilung und vieles mehr ist denkbar und wird zum Teil mit hoher Wahrscheinlichkeit schon so oder in abgewandelter Form eingesetzt. Der PageRank ist von den meisten dieser Verfahren am leichtesten zu beeinflussen, vor allem von wenig ideenreichen Unternehmen mit viel Geld: Sie kaufen einfach Links im großen Stil ein und das maschinelle Aufspüren seitens Google -ohne zu viel Bestrafung Unschuldiger- ist nicht ganz trivial. Man darf nicht aus den Auge verlieren, dass der PageRank ja völlig unabhängig von Content rein durch Linkbeziehungen berechnet wird. Diesen Mangel (Ignorieren des Contents) hat man schon vor vielen Jahren durch zusätzliche Maßnahmen mehr oder weniger behoben, mit denen man die inhaltiche Relevanz mit in die Bewertung mit einfließen ließ.
Einschätzung: Durchaus wahrscheinlich
Mein persönliches, betont vorsichtiges Fazit lautet daher, dass Google den PageRank wahrscheinlich fallen lassen wird. Das hängt natürlich im Wesentlichen davon ab, wie teuer sich die Stanford Universität eine weitere Nutzung bezahlen lassen wird und ob man alternative "Käufer" bzw. Verwender findet. Zeigt niemand nenneswert Interesse an dem Patent, könnte tatsächlich alles bei alten bleiben.
Was bedeuetet der Wegfall des PageRanks für SEO?
Zunächst würde eine schnell sichtbare und daher nützliche Kennzahl wegfallen. Selbstverständlich verlässt sich ein Experte nicht auf den angezeigten Wert im grünen PR-Balken der Toolbar. Für eine solide Einschätzung sind tiefer gehende Linkanalysen (mindestens die tatsächliche Linkanzahl, Domain-Popularität, IP-Popularität, C-Class-Popularität u. a.) notwendig. Die aber sind aufwändiger und v. a. zeitintensiv (weil alle Backlinks auf Aktualität getestet werden müssen). Am beobachtbaren Ranking wird sich wahrscheinlich nichts spektakuläres tun. Eingehende Links werden sicherlich nach wie vor ein wichtiges Kriterium sein, auch wenn sich die Wertung eines Links wohl mehr und mehr in eine semantische Richtung verschieben wird. Aber auch das sehen wir heute schon beim Ranking. Einen "Knall" in den Ergebnissen werden wir daher wohl nicht erleben. Wäre dieser positiv (also eine spürbare Verbesserung der Qualität), hätte Google den Algorithmus wohl schon viel eher darauf angepasst. Wäre er negativ (also eine arge Verschlechterung der Ergebnisqualität), dann würde man den PageRank sicher weiter auch gegen höhere Patentgebühren nutzen.
Vielleicht war ja auch die Entfernung der PageRank-Verteilung in den Webmastertools vor etwa einem Jahr ein Signal in diese Richtung?
Ach ja - das Originaldokument von Brin und Page ist übrigens immer noch im Netz und auf dem Webserver der Stanford University (The Anatomy of a Large-Scale Hypertextual Web Search Engine) zu finden.
Hab ich ein Szenario vergessen? Wird Google den PageRank droppen? Werden die großen Linkeinkäufer nach dem Fall des PageRanks mit ihren Seiten abstürzen?
Was meint Ihr?


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